Cave!

Bei nicht sachgerechter Leichenschau können Erhängungstodesfälle durchaus übersehen werden, weil sich der Fundort nicht wie bei einer typischer Erhängungssituation darstellt oder weil der Leichnam bereits abgeschnitten und dies dem Leichenschauer nicht mitgeteilt wurde. Erstere Situation ergibt sich beispielsweise, wenn ein sehr kurzes Strangwerkzeug verwand wird und der Geschädigte sitzt. Mit der zweiten Situation wird der Leichenschauer dann konfrontiert, wenn den Hinterbliebenen der Suizid eines Familienmitgliedes unangenehm ist und der Freitod vertuscht werden soll. Der Suizident wird dann abgenommen, fein hergerichtet und mit einem hohen Kragen in ein Sterbebett gelegt. Der Leichenschauarzt ist nicht selten gehemmt – gerade, wenn es sich um eine besser situierte Familie handelt, zu der eine gewisse Abhängigkeit besteht – den bereits in die Totenwäsche gekleideten Verstorbenen noch einmal auszuziehen. So wird die Strangmarke – beim "weißen Erhängen" oft das einzige Indiz für das nichtnatürliche Geschehen – leicht übersehen. Die Forderung nach einem unabhängigen Leichenschauer erfährt in diesem Zusammenhang eine besondere Gewichtung.

Fall 1

Die ältere Dame hatte sich in ihrem Schlafzimmer mittels eines sehr kurzen Seiles an einem Türgriff erhängt und war dazu in die Hocke gegangen. Da das Nachthemd die Hockstellung verdeckte, konnte man aus der Ferne annehmen, dass sie auf einem Hocker saß, den Rücken an die Tür gelehnt. Der Hausarzt, der sie so vorfand, glaubte, seine Patientin sei an einem ihm lange bekannten Herzleiden gestorben und attestierte ohne nähere Inspektion den natürlichen Tod. Erst als die Bestatter die Frau fortbringen wollten, merkten diese, dass sie nicht auf einem Hocker saß sondern am Türgriff hing.

Fall 2

Der Geschädigte war auf einem Spielplatz in stehender Position an einem Hochstand erhängt aufgefunden worden. Eltern hatten ihn abgeschnitten, auf den Rasen gelegt und den Notarzt gerufen, mit der Information, es sei ein Toter gefunden worden. Da bereits sichere Zeichen des Todes ausgebildet waren, beschränkte sich der Notarzt ohne zusätzliche Untersuchungen auf die Todesfeststellung und fuhr wieder von dannen. Strangwerkzeug und Strangmarke entdeckten erst die Bestatter beim Abtransport und informierten die Polizei.

Fall 3

Die Frau wurde erhängt von Familienangehörigen aufgefunden. Da der Suizid nicht öffentlich werden sollte und zudem die Sorge bestand, man könnte durch für jedermann sichtbare polizeiliche Ermittlungen ins Gerede kommen, nahm man die Verstorbene ab, kleidete sie mit hohem Kragen fein an und legte sie zur Abschiednahme in ein Bett. Da sie eine langjährige Herzkrankheit hatte, hoffte man, der Hausarzt würde von einem natürlichen Tod ausgehen. Das tat dieser auch. Erst dem Bestatter fielen die Veränderungen am Hals auf; er schaltete die Polizei ein.

Auch dieser Fall ist ein gutes Beispiel dafür, wie leicht man einen Erhängungsfall bei unsorgfältigem Vorgehen übersehen kann. Die Verstorbene wurde in weniger als 6 Stunden nach Todeseintritt in ein Bett gelegt, so dass sich die Totenflecke umlagerten und nicht erhängungstypisch waren. Auch die Strangmarke war nur sehr diskret ausgebildet, so dass sie nicht sofort ins Auge stach. Die im Bild sichtbaren vereinzelten kleinflächigen Eintrocknungen sind für sich genommen unspezifisch. Offensichtlich war der Tod durch ein Reflexgeschehen eingetreten, denn die Tote zeigte auch keinerlei Stauungszeichen, die auf einen Erstickungsvorgang hinweisen würden.

Die auffallende Blässe sprach allerdings auch nicht für das Rechtsherzversagen, das der Leichenschauer als Todesursache dokumentiert hatte.